600 Jahre Schneiderzunft Zug

20.10.2008

Die älteste Zuger Zunft, jene der Schneider, Tuchscherer und Gewerbsleute der Stadt Zug, feierte am 20. Oktober 2008 mit dem Hauptbot offiziell ihren 600. Geburtstag. Es war ein in jeder Beziehung eindrücklicher Tag, an dem ich als Landammann die Grüsse aller Behörden überbrachte.

In meiner Ansprache würdigte ich u.a. die grosse Leistung der Schneiderzunft als wichtiger Hüter und Träger des Brauchtums. "Wir sind beeindruckt, was Ihre Zunft in ihrer bewegten Geschichte in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten alles geleistet hat; wir sind beeindruckt, welche bedeutende Persönlichkeiten ihr früher angehört haben und auch heute noch in Ihren Reihen anzutreffen sind; wir sind beeindruckt, mit welchen speziellen Anlässen und Aktivitäten Sie Ihr Jubiläumsjahr schon seit anfangs 2008 würdig begehen, wie sehr Sie dabei auch Tradition und Moderne verbinden und wie Sie vor allem auch zu wichtigen Trägern und Hütern des Brauchtums geworden sind. Wir denken da beispielsweise an die Pflege des Chlauswesens in der Stadt Zug und an die Übernahme der Organisation des „Chröpefeli-meh-Brauchs“, der möglicherweise ohne das Engagement Ihrer Zunft gestorben wäre. Damit halten die drei älteren Zuger Zünfte die in der Bevölkerung sehr beliebten Bräuche „Bäckermöhli, Greth Schell und Chröpfeli-meh“ in ihrer Hand und bieten somit Gewähr, dass diese weiter bestens gepflegt werden. Dafür sind Ihnen alle eingeladenen Behördendelegationen ausgesprochen dankbar.

 

Zum Abschluss übergab ich dem Obmann und dem Chriesiwassermeister Gusty Weber (hier auf dem Bild) eine spezielle Flasche des edlen Zuger Saftes.

Foto Gerry Ebner, Zug

 

Spezielle Erwähnung verdient im Zusammenhang mit den Leistungen Ihrer Zunft für die Öffentlichkeit auch Ihr wichtiger Beitrag für die Aufwertung und Sanierung des Aussichtspunktes „Guggi“. Der heute ebenfalls anwesende Stadtratsvizepräsident Hans Christen hat Ihnen am 26. September vor Ort für Ihren grossen Einsatz gedankt und den neu gestalteten Guggihügel zuhanden der Bevölkerung  übergeben, in der Hoffnung und Überzeugung, dass dieser Aussichtspunkt über der schönen Stadt in Zukunft ein ruhiger Ort zum Verweilen für alle wird.

 

Mit solchem Engagement werden Sie, wohlwiise, gestränge und fürsichtige Herr Obmann, gestränge Herren Zunfträte, geschätzte Meisterschaft dem Artikel 1 Ihrer Zunftsatzungen voll und ganz gerecht. Er heisst, und ich sage dies natürlich vor allem für Ihre heutigen Gäste: „Die Zunft hat den Zweck, die bodenständigen Überlieferungen unserer Altvordern und den bürgerlichen Gemeinsinn hochzuhalten und edle, gesellige Unterhaltung zu pflegen. Sie unterstützt historische und kulturelle Bestrebungen und fördert das Brauchtum in der Stadt Zug.“

 

Wer seine Wurzeln aufgibt, gibt sich selbst auf

 

Mit der Art und Weise, wie Sie Ihren Zweckartikel leben, leisten Sie einen grossen und gerade in der heutigen Zeit ganz wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft, die so vermehrt auch wieder zu einer Gemeinschaft werden kann. Persönlich bin ich nämlich von etwas komplett überzeugt: Wenn wir, und damit sind tatsächlich alle hier und heute angesprochen, unsere Traditionen, ob wir diese unverändert übernehmen oder an unsere Zeit anpassen, aufgeben, wenn wir keinen Wert mehr legen auf unsere Werte, dann machen wir einen grossen Fehler, dann ist das ein Verlust, der später nicht wieder gut gemacht werden kann. Wir dürfen – gestatten Sie mir diese Anrede – liebe Jubiläumsfamilie, nämlich auf keinen Fall leichtfertig gefährden, was unsere Vorfahren oder was wir selber erreicht haben! Wo kämen wir beispielsweise hin, wenn wir die Schweiz und ihre Werte, z.B. unsere Demokratie, unsere Freiheit, unsere Unabhängigkeit, unsere Sicherheit aufgeben und nicht mehr verteidigen würden? Beispiele aus dem Ausland zeigen es deutlich genug: Wer seine Geschichte, wer seine Wurzeln aufgibt, gibt letztlich sich selbst auf. Zu so einer Tradition, zu so einer Erhaltung der Werte gehört – bezogen auf Ihre Tätigkeiten – auch die Zunftmesse, die Sie heute Morgen gemeinsam gefeiert haben. Mehr über dieses grundsätzliche Thema muss ich wohl nicht sagen. Es wäre ja wahrscheinlich sowieso eine Bekehrung der bereits Bekehrten!

 

Alle Gäste haben im Vorfeld des heutigen Jubiläumsbots nebst einer CD mit dem wunderschönen Jubiläumskonzert auch eine DVD mit dem Titel „Eine bewegte Geschichte in 600 Sekunden“ erhalten. Ganz herzlichen Dank für diese interessanten und wertvollen Geschenke. Ich habe dabei Sachen erfahren, die mir noch nicht bewusst waren. Zum Beispiel die Verbindung von Frömmigkeit und Berufstätigkeit oder die Bedeutung der Bruderschaft als „Kollektivversicherung gegen lange Fegfeuerqualen“. Ich will jetzt nicht versuchen, dies näher zu deuten - wir haben mit Ueli Ess, Albert Müller und Christian Raschle drei anerkannte und weit über die Kantonsgrenzen hinaus hoch geschätzte Zunfthistoriker unter uns, welche dies viel besser können und auf Wunsch bei der Hin- oder Rückfahrt in den Ennetsee sicher gerne eine Antwort geben werden.      

 

Auch für einen Landammann ein absoluter Höhepunkt

 

Nachdem ich den Dank und die Glückwünsche im Namen aller Behördendelegationen ausgesprochen habe, gestatten Sie mir abschliessend sicher noch eine ganz persönliche Bemerkung: Der heutige Festanlass ist auch im Leben eines Landammannes, das ja auf zwei Jahre befristet ist, ein absoluter Höhepunkt, so etwas wie - um wieder Ihren Obmann zu zitieren - eine "Abgangsentschädigung".

 

Ihr heutiger Festanlass ist zuerst eine wirklich willkommene Abwechslung zu den politischen Alltagsgeschäften, von denen für den Regierungsrat gegenwärtig drei im Vordergrund stehen: weiteres Vorgehen mit dem alten Kantonsspitalareal nach dem Belvedere-Nein; Umgang mit dem Widerstand gegen die neue Bundesasylunterkunft auf dem Gubel und die Frage nach allfälligen Auswirkungen der Finanzkrise auf den Zuger Staatshaushalt.

 

Doch das Abschalten ist heute natürlich nicht das Wichtigste! Das gemeinsame Fest mit Ihnen allen steht im Vordergrund und ist etwas ganz Einmaliges, das mir sicher nachhaltig in Erinnerung bleiben wird! Was die Zünfte anbelangt, scheine ich sowieso unglaubliches Glück zu haben: Letztes Jahr war Zug Gastkanton beim traditionellen Zürcher Sächsilüüte. Die netten Begegnungen mit den Zürcher ‚Zöiften’ unter dem Motto "Shake Hands - Zug trifft Zürich“ werde ich nie vergessen, natürlich auch, weil ich schliesslich noch den Zürcher Böögg anzünden durfte. Dies ist mir übrigens gar nicht so schlecht gelungen! Und hätte nicht noch ein Zürcher die Hände mit im Spiel gehabt, wären es wahrscheinlich noch weniger als 12 Minuten und 10 Sekunden geworden!

 

<- Zurück zu: Archiv

Reden, Ansprachen...

 

 

 

Begegnungen, zum Beispiel mit Boris Becker...